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Was kostet dir dein Schmerz?

Aktualisiert: 14. Okt. 2025

In Johannes 9 lesen wir von einem Mann, der von Geburt an blind war. Die Jünger stellten sofort die klassische Frage, die wir alle kennen: „Rabbi, warum wurde dieser Mann blind geboren? Hat er selbst gesündigt oder seine Eltern?“

Jesus antwortet darauf nicht direkt. Stattdessen ändert er die Perspektive: nicht „Warum?“, sondern „Wozu?“. Sein Ziel war, dass der Blindgeborene Gottes Kraft ganz persönlich erfährt. Wir müssen nicht alles verstehen, um Gott zu vertrauen.

Das „Warum“ bleibt manchmal im Dunkeln, aber das „Wozu“ kann Licht bringen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Schwere dadurch leichter wird oder dass Leid „geistlich schöngeredet“ werden sollte. Wir müssen ehrlich sein: Schmerz ist niemals kostenlos.

Schauen wir uns den Blindgeborenen an und was es ihn gekostet hat: Kein normales Aufwachsen, kein Blick in das Gesicht seiner Eltern, keine Farben, keine Selbstständigkeit, kein richtiges Dazugehören. Er spürte die Blicke der Menschen, die ihn verurteilten, ohne ihn zu kennen. Er musste lernen, zu überleben – abhängig von Almosen, abhängig vom Mitgefühl anderer. Das sollte uns tief gehen.


Auch wir zahlen oft einen hohen Preis für unseren Schmerz, und wir müssen lernen, ehrlich über diese Kosten zu sprechen. Zu leicht verstecken wir unseren Schmerz im Namen des Glaubens. Ich finde es erstaunlich – und es erschüttert mich oft –, wie unehrlich wir als Christen in diesen Bereichen sein können. Es fällt uns so schwer, ehrlich zu sein.


Aber genau diese Ehrlichkeit ist entscheidend. Die Qualität jeder Beziehung – sowohl zu unseren Mitmenschen als auch zu Gott – hängt davon ab, wie bereit wir sind, ehrlich zu sein und Ehrlichkeit auszuhalten. Ehrlichkeit öffnet die Tür zu wahrer Nähe – zu unseren Mitmenschen und zu Gott Dort, wo Menschen ehrlich werden, und das erlebe ich immer wieder – über ihren Schmerz, ihre Zweifel, ihr Ringen, ihre Sünde –, da begegnet ihnen Gottes Nähe auf eine Weise, die Worte kaum fassen können.


Jemand, den ich kenne und der einen lebenslang pflegebedürftigen Sohn hat, sagte einmal: „Der Preis, den ich zahlen muss hier auf Erden, ist mir zu hoch. Zu sagen, dass ich dadurch ‚stärker‘ geworden bin, ist mir zu teuer. Stärker hätte ich auch anders werden können. Das ist etwas, das ich spätestens im Himmel mit Gott klären werde – mein Vertrauen auf Gott bedeutet keine illusionäre Hoffnung sondern eine, die die Realität in die Augen schauen kann - und dieses ist meine Realität“


Diese Ehrlichkeit trifft mich jedes Mal – und, wenn ich ehrlich bin, irritiert sie mich zunächst. In christlichen Kreisen hatte ich bis dahin kaum solche Worte gehört. Ich musste sie erst verdauen und innerlich einordnen. Ein Teil von mir hätte es angenehmer gefunden, wenn er etwas gesagt hätte wie: „Aber Gott hat alles im Griff.“ „Es wird sich lohnen.“ „Es wird schon einen Sinn haben.“ "Ich muss nur vertrauen". Aber das hat er nicht gesagt. Er stand zu seinem realen Schmerz - einen Schmerz der gefallenen Welt und ich musste mir eingestehen, dass es mir schwer fiel, Ehrlichkeit auszuhalten. Sein Schmerz war real – und er war nicht einfach nur die Vorgeschichte zu einem Wunder. Im Leben dieser Person gibt es kein Wunder, das alles verändert hat. Bis heute ist sein Sohn pflegebedürftig, und es ist sein Leben, Tag für Tag – viele Jahre Dunkelheit. Ich merke im Nachhinein, dass er ein Vertrauen hatte, das Gott nicht beschönigen muss. Ein Vertrauen, das nicht so tun muss, als wäre Schmerz „leicht zu tragen“. Ein Vertrauen, das nicht alles sofort auflösen oder erklären möchte. Kein billiger Trost, kein bloßes „Alles dient zum Besten“, kein „Du wirst daran wachsen“. Diese Sätze sind grundsätzlich nicht falsch oder unwahr und können in manchen Situationen und für manche Personen sogar passend sein. Sie werden jedoch zu Stolpersteinen, wenn sie uns daran hindern, ehrlich zu uns selbst und zu Gott zu sein.


Glaube beinhaltet, ehrlich sein zu dürfen. Es bedeutet nicht, alles schönzureden oder Leid zu verharmlosen. Glaube erlaubt uns, mit unserem Schmerz und den hohen Kosten zu ringen.

Glaube bedeutet, besonnen zu vertrauen, trotz der hohen Kosten. Und wenn unser Herz nach einem Prozess des langen Ringens langsam wieder beginnt zu vertrauen, dann ist es ein Vertrauen, das nicht auf die Heilung selbst baut, nicht auf ein vorrangig gutes Leben, nicht auf gehorsame Kinder, nicht auf eine „perfekte“ Geburt und auch nicht auf ein Leben, das so verläuft, wie wir es uns vorstellen.


Es ist ein Vertrauen, das auf Jesus selbst ruht – auf dem, der allen Schmerzen kennt und mitträgt, und dessen Treue niemals wankt. Dieses Vertrauen erlaubt uns, ehrlich zu bleiben, unseren Schmerz zu sehen, die hohen Kosten auszuhalten – und dennoch Hoffnung zu haben, die über das Sichtbare hinausgeht.


Hoffnung, nicht auf ETWAS, sondern auf JEMANDEN.

Unsere Hoffnung liegt auf Jesus selbst. Er selbst ist unser Gut, unser größter Schatz. Er ist immer mehr als Heilung. Nie weniger – aber immer.

 
 
 

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