Übernimmst du Verantwortung, die nicht deine ist?
- Janice Unruh

- 6. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Okt. 2025
Wir Menschen neigen oft dazu, zu viel Verantwortung zu übernehmen – für Dinge, die gar nicht unsere sind – und gleichzeitig zu wenig Verantwortung für das, was eigentlich in unserem eigenen Bereich liegt. Zwischen diesen beiden ungesunden Extremen liegt ein gesundes Gleichgewicht: Dort lernen wir, unsere eigenen Aufgaben verantwortungsvoll zu tragen – und gleichzeitig anderen zu erlauben, ihre eigenen zu tragen.
Es geht darum, unseren Platz zu finden und auf ihm zu bleiben. Zu wissen, wo unsere Verantwortung beginnt und wo sie aufhört – und den Mut zu haben, wirklich dazu zu stehen.
Ich fahre zweimal im Monat nach Campo 9, wo ich mein Büro habe. Diese Tage sind meist mit anspruchsvoller Arbeit gefüllt – Arbeit, die ich aber wirklich liebe. Am Anfang hatte ich jedoch oft ein schlechtes Gewissen: Ich dachte, ich würde meinen Mann hier in Asunción „allein“ lassen – auf sich gestellt .Also habe ich vorgekocht, eingekauft, gebacken … alles, damit er gut versorgt war.
Aber hier ist die Sache: Mein Mann hatte nie darum gebeten. Im Gegenteil – er sagte immer wieder, dass er sich gut selbst etwas zu essen machen und seine Sachen selbst erledigen könne. Doch ich nahm ihm diese Chance indem ich es für ihn tat. Ich machte Dinge, die er sehr gut allein hätte tun können. Ich war überverantwortlich – und habe mir selbst eine Last aufgeladen, die gar nicht meine war. Ich übernahm Verantwortung, die nicht in meinem Aufgabenbereich lag. Heute weiß ich, wo meine Verantwortung anfängt und aber auch aufhört. Wenn ich etwas vorkoche – was ich trotzdem oft tue – dann geschieht es aus Liebe, um Freude zu bereiten, nicht aus Überverantwortung oder Schuldgefühlen.
Überverantwortung klingt zunächst nach Liebe, Fürsorge und Hingabe – doch in Wirklichkeit raubt sie Freiheit, Entwicklung und Vertrauen. Sie hält den anderen klein und uns selbst gefangen.
Denn wenn wir die Verantwortung eines anderen Menschen übernehmen, verhindern wir, dass er wächst, lernt und selbst Verantwortung übernimmt.
Jede Mutter und jeder Vater weiß, dass Überverantwortung oft zu Unverantwortlichkeit bei den Kindern führt. Wenn wir alles für sie tun, werden entscheidende Lernprozesse gestört – Prozesse, die für ihre Entwicklung grundlegend sind. Lernen Kinder, ihr eigenes Frühstück zu machen? Lernen sie, in einem altersgerechten Rahmen ihren Wecker für die Schule selbst zu stellen – und mit den Konsequenzen zu leben, wenn sie es vergessen? Wenn wir ihnen jede Erfahrung abnehmen, nehmen wir ihnen auch die Chance zu reifen.
Jesus ist uns darin ein wunderbares Beispiel. In Johannes 7,5 lesen wir etwas ganz Spannendes – und auf den ersten Blick vielleicht Erschreckendes: Selbst die Brüder Jesu glaubten nicht an ihn. Es waren seine leiblichen Brüder die mit ihm aufgewachsen waren, mit ihm die Kindheit in Nazareth geteilt hatten, seine Familie, seine täglichen Routinen und seine frühen Begegnungen mit Menschen kannten. Sie hatten miterlebt, wie er heranwuchs, seine Weisheit und seine besonderen Fähigkeiten zeigte, und sie hatten sogar viele seiner Wunder gesehen. Und dennoch: sie glaubten nicht an ihn.
Manchmal frage ich mich, ob Jesus sich schuldig fühlte, weil er es nicht „besser“ erklärt oder deutlicher gezeigt hatte, dass er der Messias ist – oder ob es ihm wehtat, dass seine eigenen Geschwister ihm nicht vertrauten. Ob er das Bedürfnis verspürte, für ihre Anerkennung zu kämpfen.
Aber ich glaube nicht, dass er sich schuldig fühlte oder überverantwortlich reagierte.
Ich glaube nicht, dass Jesus sich verantwortlich machte für den Unglauben seiner Brüder.
Er wusste, was sein Auftrag war – und was nicht. Er kannte seinen Platz, seine Grenzen und seine Verantwortung. Er wusste sehr genau, was sein eigentlicher Kampf war, und das war nicht, die Entscheidung anderer zu treffen sondern den Willen des Vaters zu tun. (Joh 6.38). Er wusste, wo sein Wirken beginnen und wo es aufhören musste. Er hat Menschen eingeladen, gerufen, gelehrt – aber er hat nie ihren Glauben und ihre Entscheidung für sie getragen. Es gibt Dinge, Entscheidungen und Schritte in unserem Leben, die Jesus nicht für uns tun wird, weil sie nicht in seinem Verantwortungsbereich, sondern in unserem liegen.
Das ist eine der tiefsten Lektionen für uns: Wir sind berufen, treu zu sein in dem, was uns anvertraut ist – aber wir sind nicht berufen, die Entscheidungen anderer zu kontrollieren, zu retten oder zu tragen. Viele Eltern fühlen sich verantwortlich, wenn ihre Kinder sich abwenden vom Glaubens Leben und einen anderen Weg einschlagen. Manche erwachsene Kinder fühlen sich verantwortlich für das emotionale Wohlbefinden ihrer Eltern. Viele Leiter und Seelsorger glauben, sie hätten versagt, wenn jemand in Sünde fällt oder den falschen Weg einschlägt. Viele Christen tragen Schuldgefühle, weil sie denken: Hätte ich nur mehr gebetet, mehr getan, mehr erklärt. Sie tragen manchmal die Last, „alle retten“ zu wollen, und übersehen dabei, dass Veränderung nur geschehen kann, wenn der andere bereit ist. Wenn man genau hinsieht, merkt man: Dann steht man mitten im Zentrum eines anderen Menschen – mitten in seinem Leben, seinen Entscheidungen, seinen Kämpfen – und steht dabei oft im Weg, wo diese Person eigentlich durch eigene Erfahrungen lernen und wachsen sollte.
Jesus wusste das. Und auch wir dürfen lernen, unseren Platz einzunehmen – mit Demut, mit Klarheit und mit Frieden. Nicht alles liegt in unserer Verantwortung. Und das ist keine Schwäche – es ist Freiheit.




Kommentare